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Lee Jeong Seo - Deutsch

Thursday, October 23rd, 2008

Meister Lee Jeong Seo aus Seoul (Korea) erhielt im Jahr 2004 eine Einladung in Deutschland zu leben.
Zur Zeit lebt er in Frankfurt (am Main), wo er das “Chung-Sport-Zentrum” leitet.

Ich traf auf einen großen muskulösen Mann mit einem leichten Hinken beim Laufen. Er trug ein
Jacket und ein breites Lächeln, als er mich im gemütlichen Empfangsbereich des “Chung-Sport-Zentrums” begrüßte. Im Hintergrund stemmten Hardcore-Bodybuilder Eisen und Meister Lees dreizehnjähriger Sohn saß im Büro des Zentrums und spielte Videospiele.
Nach einigen Minuten Geplauder begannen wir das Interview mit einigen einleitenden Fragen:

Wie alt waren sie, als sie anfingen Kampfkunst zu lernen?
Lee – Neun oder zehn. Ich ging zur lokalen Taekwondo Schule. Ich wollte lernen zu kämpfen.

Warum?
Lee – Ich war schon immer groß – größer als die anderen Kinder. Sie hänselten und schlugen mich. Mein Herz war schwach und ich hatte eine Menge Angst. Ich mußte kämpfen – aber ich wußte nicht wie. Deshalb lernte ich Taekwondo.
Ich bekam mehr als ich erwartet hatte. Ich war fasziniert. Training wurde zu meiner Mission. Es gab ein paar Wettkämpfe. Doch meistens trainierte ich für mich alleine. Bevor ich angefangen hatte, wußte ich nicht, dass es mir so viel Spaß machen sollte.

… sie machten zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Veränderung von Taekwondo zu Taijichuan und Hapkido. Warum?
Lee – Mit der Zeit entschied ich, dass Taekwondo mir zwar gezeigt hatte zu treten. Jedoch war es der traditionelle Stil, und die Box-Techniken waren steif und uneffektiv – es war eher eine Show.

Worin unterscheiden sich Kampfkunst und Kampfsport?
Lee – Können sie mir sagen, wo man die Grenze ziehen soll? Vielleicht gibt es gar keine. Ich weiß, dass man hier in Deutschland zwischen Kampfkunst und Kampfsport unterscheidet. In Korea macht man diese Unterscheidung nicht. Taekwondo kann ein Sport sein oder eine Kunst. Dasselbe gilt für Kickboxen. Schauen sie sich die Olympischen Spiele an, die gerade in China stattfanden. Gymnastik zum Beispiel: Ist es Sport oder ist es Kunst? Ich denke es ist beides.

Warum haben sie aufgehört, Taekwondo zu trainieren?
Lee – An der Myongji Universität traf ich einen Professor der sehr talentiert in Taijichuan war.
Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, von ihm zu lernen. Außerdem habe ich mit Kickboxen begonnen, für’s Boxen. Ich war nach wie vor sehr fasziniert und wollte mein Können erweitern.
Nebenbei bemerkt, bin ich immer noch sehr neugierig. Wenn ich heute einen Stil entdecken würde, der mir etwas beibringen könnte, was ich noch nicht kann, würde ich einen Lehrer finden und anfangen zu lernen. Aber damals suchte ich aktiv nach Information und Training in verschiedenen Stilrichtungen.

Welches Stil verköpert das “beste” aus Korea?
Lee – Hapkido. Es beinhaltet Elemente von Taekwondo, Judo und Kickboxen.

Was macht Hapkido anders?
Lee – Ich habe andere oft das gleiche gefragt: Was unterscheidet Hapkido von anderen Kampfsportstilen? Es gibt Ähnlichkeiten mit andere Techniken, wie ich bereits sagte. Aber die Leute die ich gefragt habe, wissen das nicht. Warum zum Beispiel benutzen wir Hebel wenn Boxen und Treten genauso effektiv, und viel einfacher zu lernen, wäre? Ursprünglich gibt es dafür historische Gründe: Um gegen eine Person in einer Rüstung zu kämpfen waren (Stoß?)-Techniken nicht geeignet. Jedoch muß eine Rüstung sich an bestimmten Stellen biegen, damit die Person darin sich bewegen kann – also wurden hoch effektive Hebel-Bewegungen entwickelt um diese Schwäche aus zu nutzen.
Boxen und Treten gibt dir keine Kontrolle. Du kannst jemand boxen und ihn verletzen oder ihm seine Zähne raus hauen, aber du kannst den Schaden nicht kontrollieren. Während du Hebel-Bewegungen anwendest hast du es unter Kontrolle. Dann kannst du deinem Gegner die Wahl lassen – wenn er nach gibt wird er nicht verletzt und der Kampf ist zu Ende. Wenn nicht, kannst du sein Gelenk verletzen oder brechen, mit dem selben Ergebnis. Auf jeden Fall hattest du die Situation unter Kontrolle.

Gibt es ihrer Meinung nach eine beste Kampfkunst überhaupt?
Lee – Manche Richtungen sind sehr hart und aggressiv, andere (wie Aikido) sind sehr sanft, fast wie ein Tanz. Eine gute Kampfkunst muß beides haben. Mein Hapkidostil ist sehr kraftvoll und benötigt Kraft ihn an zu wenden. Die beste Kampfkunst wächst aus der persönlichen Erfahrung - persönlicher Realität. Es gibt nicht “eine” Technik oder Stilrichtung, die dich unbesiegbar macht. Du mußt klug sein. Techniken können helfen. Selbstverteidigung ist jedoch eine mentale Sache.

Was macht ihrer Meinung nach einen guten Kampfkünstler aus? Was ist der wichtigste Aspekt?
Lee – Kampfkunst ist mein Leben. Es macht Spaß. Das ist wichtig. Aber da ist noch mehr.
Techniken und Kraft sind ebenso wichtig. Aber das bedeutendste ist Mut! Wie wirst du mutig?
In dem du hart und regelmäßig trainierst, indem du weiter trainierst auch wenn du auf Hindernisse stößt. Es gibt keine Technik, die dich mutig macht. Du mußt lernen deine eigenen Dämonen zu bekämpfen, nicht andere Leute. Ich kann den Mut, den ich durch Kampfkunst-Training entwickele in meinem täglichen Leben anwenden. Das ist das allerwichtigste.

Meister Lee kam nach Deutschland mit der Vision ein Netzwerk von Schulen und Lehrern in Deutschland zu gründen. Er sagt, es braucht Zeit. “Ich will mich zunächst auf diese eine Schule konzentrieren. Die Zeit wird kommen, wenn meine Schüler/Schülerinnen bereit sein werden, raus zu gehen, um die Organisation zu erweitern. Ich konzentriere mich auf Qualität und nicht auf schnelles Geld.” Sportschule Chung ist in nur einem Jahr von 5 Schülern auf 50 gewachsen.